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Alt 12.08.2015, 12:32   #1
basti_79
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Standard Logik und Neurologie

Ich rätsele schon seit langem darüber, was hier eigentlich passiert. Genaugenommen ist das ein Allgemeinplatz: Wer wundert sich nicht? Niemals? Das Wort bringt es mit sich: es passieren Dinge, und wir halten sie für "Wunder" - manchmal guter Art, manchmal schlechter. Menschen greifen in unsere Leben ein, ändern da etwas, manchmal auch nicht. Manchmal sind wir so verwundert, dass wir das Wirken anderer für unerklärlich halten. Bei hochentwickelter Technik (auch bei Kulturtechnik, im übrigen) kann das genauso der Fall sein wie bei Verbrechen, so rational der Täter es auch begründen mag. Verbrechen nennen wir Handlungen, die nicht ethisch sind, oder besser: bei denen wir die Ethik des Täters nicht akzeptieren. Ein gutes Beispiel für die Unschärfen dieses Begriffs ist - wie könnte es anders sein - das Handeln der Nazis. Diese wollten unter anderem, dass man im Nachhinein ihre Verbrechen rechtfertigt, dass man sie also als ethisch erkennen möge.

Auf der Ebene der Logik kann man recht einfach sagen: Verbrechen ist unethisches Verhalten. Wer aber diese Ethik wie bewertet, ist nicht immer so einfach zu sagen. In diesem Fall war ich es. Das wird nur dann eine Frage einer Diskussion sein, wenn jemand diesen Satz mir zuschreibt - was ja im Augenblick jeder Leser dieses Textes tut.

Im Kontext jeder Bildung muss - nach der Erkenntnis, dass "der moderne Mensch" in der Lage ist, wirklich alles zu tun und im Nachhinein zu rechtfertigen - die Frage stellen, ob man das richtige lehrt oder bildet, oder ob es ethisch rechtfertigbar ist, das, was im Einzelfall vorliegt, zu lehren oder zu bilden. An der Stelle kommt es dann in der heutigen Praxis vor allem darauf an, was die Mehrheit denkt, was ethisch wäre. Am Beispiel der "Sexualerziehung" kann man erkennen, dass die Frage nicht ganz so platt ist, wie sie zu sein scheint. Erst einmal gibt es da klare Mehrheiten und auch deutliche Ansagen, bei denen die Mehrheitsfähigkeit nicht einmal in Frage steht. Bei Fragen der Minderheit jedoch scheint da das System zu versagen. Ob denn nun überhaupt Homosexualität vermittelt werden sollte, oder darauf hingewiesen, dass Kinder auch sexuell aktiv sind oder sein können, wird da regelmäßig zum Streitpunkt. Diese Debatte hat bei vergleichsweise harmlosen Thesen wie "Masturbation" oder "kindliche Sexualität" angefangen, und wird derzeit auf Eskalationsstufe 9 immer wieder neu verhandelt (Quellen auf Anfrage).

Ich möchte aber nicht über Lehrpläne schreiben oder über "Sexualerziehung", sondern darüber, wie ich denke, dass das ganze auf neurologischer Ebene bei jedem abläuft.

Kindliches Denken ist vergleichsweise gut erforscht. Zum einen war ja jeder mal selber Kind, zum anderen haben Vorstellungen von Kindern eine typische Form, die wir mit Kunst assoziieren, mit Fantasie, vielleicht auch mit Unaufrichtigkeit. Jeder, der gelegentlich mit Kindern redet, erkennt diese Unterschiede zwischen "kindlichem Denken" und "erwachsenem Denken". Zweitrangig erkennen wir umgekehrt kindliches Denken (manchmal nennen wir es "magisch") in Phänomenen wie Esoterik oder auch bei Religion. Sicher bildet auch "Folgsamkeit" einen Aspekt kindlichen oder noch nicht ganz erwachsenen Denkens: zum einen ist es ja gut für Kinder, das zu tun, was die Eltern sagen, zum anderen ist geläufig, dass Teenager gelegentlich anscheinend vorsätzlich falschen Idolen folgen: vom Popstar über den Guru bis hin zum "falschen Gott" - und nicht zu vergessen dem "ersten Freund" (bei Jungs ist das anscheinend irgendwie anders) - ist da alles dabei.

Es gibt, wie jedem geläufig ist, der sich etwas mit formaler Logik auseinandergesetzt hat, zwei grundsätzlich unterschiedliche Formen des Schließens: entweder, man nimmt an, dass es "kein drittes" gibt, sondern nur die Wahrheitswerte "wahr" und "falsch", oder man nimmt an, dass es zwar falsche Aussagen gibt, dass das aber immer noch Aussagen sind, vielleicht beweisbar, vielleicht aber auch nicht. Diese Frage hat der Mathematik lange Kopfzerbrechen bereitet, bis sie letztendlich gelöst wurde: keine von beiden Seiten hat mehr Recht als die andere. Wie Logik genau funktioniert, ist ebenfalls Sache der Konvention. Dass es wenigstens eine Logik gibt und auch geben sollte, dürfte aber zumindest annähernd Mehrheitsfähig sein.

Logik kommt aus unseren Gehirnen. Zuerst denken wir "kindlich": nehmen alle Reize auf, alle Worte, handeln und lassen uns behandeln, geben Worte wieder, kombinieren sie neu, und so weiter und so fort. Die Welt der Erwachsenen erscheint uns magisch: warum handeln diese Leute so? Warum tun sie das so und nicht anders? Warum töten sie und zerstören? Es wäre doch so viel einfacher, richtig zu leben - wie die Kinder eben. "Kinder an die Macht" forderte Herbert Grönemeyer einst - sicher nicht wörtlich zu verstehen, aber doch eben auch Grund zum nachdenken.

Ich denke, die witzigerweise später entdeckte "intuitionistische Logik" - die ohne ausgeschlossenes drittes, und: achtet mal auf das Wort! Entspricht eher der Art, wie Kinder denken. Wenn es einen Widerspruch gibt, hat es einfach nur einen Fehler gegeben - wer diesen verursacht hat, ist erst einmal nebensächlich. Nur, dass manche Fehler eben Konsequenzen haben, wird zum Problem. Bei (unterstellt) psychisch Kranken wird das offensichtlich: bei ganz schweren Verbrechen greifen wir zum Konstrukt, dass der Mensch eben "wahnsinnig" gewesen sein muss. Das versetzt einen in die schwierige Situation, zu erklären, was denn nun genau am durch und durch zweckrationalen Handeln der Nazis wahnsinnig gewesen sein soll. Das Motiv ist es, die Begründung - zumindest vordergründig. Die Begründung, die man da angegeben hat, widerspricht allem, was wir heute Ethik nennen, so sehr, dass wir sagen: das war ein Fall von kollektivem Wahnsinn.

Rein logisch ist dieser auch wieder leicht zu fassen. Eine Gruppe von Menschen, die allesamt dieselben Fehler machen. Nichts leichter als das. Daran, wie Leute über Flüchtlinge reden, sieht man, wie aktiv dieser Prozess heutzutage noch ist. Genaugenommen heißt es ja, die seien erstens selber schuld und zweitens würden sie nicht nur falsch leben, sondern auch "uns" zum falschen Leben zwingen. Wenn es denn ganz knapp wird mit den Argumenten, dann halt, indem "sie" "uns" "ihre" Kultur bringen. Eine Kultur, die Menschen ausschließt, weil sie sich einer anderen Kultur angehörig fühlen, kann man auf keinen Fall noch tolerant nennen. Es handelt sich also auf der Ebene der Ethik dabei auch um einen Fehler.

Das "erwachsene" Denken besteht darauf, dass alle Fragen geklärt werden. Kinder fragen "warum?". Erwachsene wissen. Dieses Wissen mag fehlerhaft sein, dennoch scheint es besser zu sein (oder eher: es soll besser sein), wenn Erwachsene immer ihren Willen durchsetzen können - was man ja Kindern niemals zugestehen würde. Das große Problem damit besteht darin, dass Erwachsene ja sich mit anderen Erwachsenen auseinandersetzen müssen, die das genauso sehen. Man sieht, was dabei herauskommt: Krieg und so weiter. Notfalls kann ein Erwachsener alle Regeln brechen - was Kinder anscheinend bis zu einem gewissen Alter gar nicht können, und was ihnen später auch noch schwer fällt. Und manchmal begegnet man sogar Erwachsenen, die meinen, es könnte so einfach weitergehen.

Ich denke, all diese Phänomene sind auf bestimmte Vorgänge in den Gehirnen der Menschen zurückzuführen. Ich stelle mir Gehirne dazu als "Netzwerke" dar, als verknüpfte Neuronen. Die Sinnesorgane versorgen das Hirn mit Informationen über die Außenwelt, und diese werden in diesem Netzwerk umgesetzt. Manchmal reagiert ein Mensch auf Sinnesreize, manchmal nicht. Manchmal ist die Antwort symbolisch (Sprache oder ähnliches), manchmal nicht. Fest steht, dass es ohne Sprache oder eine vergleichbare Form keine Logik geben kann. Logik (wörtlich: Sprachkunde?) ist ein Phänomen von Sprache.

Oberflächlich ist Sprache ein sehr einfaches Phänomen: auf einen Sinnesreiz wird mit einem bestimmten Wort reagiert. Manchmal ist der Sinnesreiz die Sprache anderer Menschen, und manchmal kann man sogar Worte fehlerfrei wiedergeben oder weiß eine richtige Antwort. Diese eigentümliche Komplexität gewinnt Sprache nur durch die Selbsterkenntnis der Menschen. Sie wissen, dass es verschiedene Menschen gibt auf der Welt, und dass sie einer dieser Menschen sind. Die Sprache muss das wiedergeben, sonst hätte man auch recht wenig, worüber man reden könnte. Geschichten, die nicht von Menschen handeln, interessieren einfach nicht jeden.

Ausgehend von Worten für die wichtigsten sozialen Beziehungen und für grundlegende Sinnesreize, wird die Sprache von Kindern im Laufe der Zeit komplizierter. Irgendwann fällt den Kindern auf, dass Sprache eben darüber hinaus geht, blosses Kommunikationsmittel über die momentan erfahrene Umwelt zu sein. In der Sprache der Erwachsenen gibt es Vergangenheit und Zukunft, es gibt Ideologien und es gibt Traditionen. Es gibt tradierte symbolische Informationen, deren Wert als hoch eingeschätzt wird, so hoch sogar, dass die symbolischen Informationen selber um jeden Preis in ihrer ursprünglichen Form bewahrt werden müssen. Genau das hat zu "heiligen Schriften" geführt.

Es ist geläufig, dass Jugendliche Pläne machen, die wir als Erwachsene gar nicht richtig ernst nehmen können. Zum einen strotzen sie vor "kindlichem denken", da gibt es dann keine Probleme und keine Konkurrenz. "Prinzessin werden" ist ein solcher Plan, der zur Zeit als Witz verbreitet wird. Ich denke, das ist darauf zurückzuführen, dass diese Jugendlichen eben noch nicht genug gelernt haben, um den Weg zur Umsetzung ihrer Pläne richtig einzuschätzen. Diese Informationen wären sowohl in der "intuitionistischen" wie auch in der "klassischen" (die mit den zwei Wahrheitswerten) Logik entscheidend. Diesen Jugendlichen fehlt es aber auch noch am Wissen darüber, was man wissen müsste. Vereinfacht gesagt, könnte man sagen: es fehlt ihnen an der Fähigkeit, die eigenen Ideen zu hinterfragen.

Genaugenommen fehlt es da im Kopf an "Konflikten". So würde ich es nennen, wenn man zwei Ideen hat - meinetwegen "ich möchte in Russland Rockstar werden" und "ich weiß nicht, wie man Auto fährt", und diese einander widersprechen. Ich unterstelle hier, dass man mit dem Auto nach Russland fahren wollte. Was genaugenommen auch die Stelle ist, auf die die Betroffenen Eltern dann gerne hinweisen: "Wie soll das denn gehen?" ist eine typische Frage auf solche Pläne. Ich denke, solche Phänomene haben erst einmal die zweiwertige Logik entstehen lassen, und sie erklären auch viele Streitigkeiten im Internet.

Wenn zwei Leute miteinander reden - über einen Plan meinetwegen - wird ihr Konsens davon abhängen, dass sie sich über verschiedene Fragen einig werden. Einige davon wären:
  • Wir beide meinen mit allen verwendeten Worten dasselbe ("Wir verstehen einander")
  • Was Du sagst, verstehe ich nicht nur, ich unterstütze Dich sogar darin
  • Die äußeren Bedingungen sind günstig (der Plan kann durchgeführt werden)
Ich denke, das Wort "Konsens" bedeutet genau das. Ich habe als Beispiel einen "Plan" verwendet, also ein zukünftiges Vorhaben, da so etwas am besten paßt. Natürlich gilt das aber auch für andere Sorten von Gedanken.

Ebenso, wie ein Mensch verstehen kann, dass sein eigener Plan nicht aufgehen wird, kann er das auch in der Kommunikation mit einem anderen erst erfahren. In dem Fall kann es leicht zu Streit kommen. Jedenfalls aber ist dann erhöhter Kommunikationsbedarf gegeben.

Ich denke, so ähnlich war der Vorgang, der zur Entwicklung der zweiwertigen Logik geführt hat. Irgendwann in der fernen Vergangenheit hat mal jemand bemerkt, dass Unterhaltungen ohne festgelegtes Ende schnell an Schwung verlieren, und deswegen gesagt: wir finden jetzt erst einmal heraus, ob das hier wahr ist. Oder falsch. Und schon war sie da, die zweiwertige Logik. Und bis heute macht es manchen Leuten Schwierigkeiten, zu verstehen, dass man manches eben noch nicht weiß, und wieder anderes Paradox ist, oder dass man sich zwar vorstellen könnte, auf eine bestimmte Art zu handeln, das aber selber lieber bleiben läßt.

Genaugenommen sind das ja alles Fehlervorwürfe. Da soll immer eine gegebene Argumentation daraufhin untersucht werden, ob Randbedingungen stimmen, ob sich irgendwo darin ein Fehler verbirgt, und so weiter. Unbedachtheit etwa zählt gemeinhin als Fehler, ebenso wie reiner Gehorsam. Wir erwarten schon von Leuten, dass sie darüber nachdenken, was sie vorhaben, und dass das, was sie vorhaben, auch ethisch rechtfertigbar ist. Nur bestimmte Kasten können es sich leisten, auf Ethik ganz und gar zu verzichten. Wieder andere müssen Verantwortung übernehmen für Dinge, die sie gar nicht selber verursacht haben. Es ist schon eine eigenartige Welt, in der wir da leben.

Die Vorteile der zweiwertigen Logik liegt auf der Hand. Erstens kommt man schnell zu einem Ergebnis, zweitens ist es sehr einfach, zu denken: wenn es nicht wahr ist, ist es eben falsch. Oder umgekehrt. Hypothesenbildung ist mühselig und kann auch ergebnislos enden. Im Falle eines Paradoxons zum Beispiel führen Hypothesen zu nichts. Es gibt auch in der Wissenschaft Beobachtungen, für deren Zustandekommen es keine Hypothesen gibt. So etwas wird es auch solange geben, wie jemand zweiwertig denkt. Für jemanden, der dreiwertig denkt, ist so etwas weder überraschend noch irgendwie ungewöhnlich. Und wo es tatsächlich so etwas gibt, wird man dann auch schnell neugierig.

Kritik und kritisches Denken sind nicht etwa die Ursache für die Probleme, die es auf der Welt gibt, sondern sie sind deren Folge. Wo immer es Probleme gibt, fangen die Leute an, nachzudenken. Und immer wieder werden sie Lösungen finden für ihre Probleme. Das ist das beste an der ganzen Sache. Wenn wir es nicht schaffen, unsere eigenen Probleme zu lösen, werden wir untergehen. Wenn wir es nicht schaffen, die Probleme der anderen zu lösen, bleibt immerhin alles beim alten. Und selbst wenn wir nicht mehr sind, wird es immer noch Leute geben, die sich über solche Dinge Gedanken machen, sich einander mitteilen und miteinander nach Antworten suchen.

Danke für's lesen!
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Perfidulo: Ich hatte erst vor, einen Roman darüber [über das verschwundene Mittelalter] zu schreiben.
Groschenjunge: Was ist der Unterschied zum Jetzt?
Perfidulo: Es quasseln nicht dauernd Leute dazwischen.
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