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Alt 29.03.2018, 19:40   #1
basti_79
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Beiträge: 10.647
Standard Lernen als menschliches Grundproblem

Lernen sollen wir ja alles mögliche - erst einmal laufen und sprechen, dann eine "Allgemeinbildung" (deren Inhalt witzigerweise niemand genau darstellen kann), letztendlich auch, wie wir miteinander umgehen ("Sozialisierung"), wie wir "einen Staat" bilden und uns, wenn möglich, dann auch noch innerhalb dessen behaupten. Das gilt nicht nur für unsere Kultur, sondern wohl für alle menschlichen Gemeinschaften - wobei sich aber die verschiedenen Gemeinschaften in ihren Ansätzen unterscheiden.

Das ist so lange ein launiger Gemeinplatz, wie man keine Nullhypothese zur Verfügung hat. Was würde denn mit einem Menschen geschehen, der außerhalb der Gemeinschaft anderer Menschen aufwächst? Stichwort Kaspar Hauser. Entsprechende Versuche sind zuverlässig unethisch. Auch der Vergleich mit anderen Kulturen wird streng tabuisiert - man will ja nicht versehentlich die eigene Kultur "islamisieren", oder irgendwie anderweitig unterwandern.

Ihr merkt, dass es schwer ist, "lernen" als Grundproblem von "kultureller Prägung" zu trennen. Das heißt, wann immer jemand "lernen" sagt, ist die Möglichkeit eröffnet, dass jemand den Anspruch in die Diskussion bringt, "lernen" habe zur Kontinuität (der Kultur des jeweiligen Proponenten) beizutragen.

Die erste Frage, die man da stellen kann, ist: Wenn jetzt also alle Lernvorgänge aller Menschen von den Behörden wie geplant umgesetzt werden, wobei die Behörden für die Kontinuität unserer Kultur zuständig wären ("Bildung"? "Schule"?), wie kommt es dann überhaupt zu Problemen?

Nach reiflicher Überlegung (und nicht ohne eigene Lernvorgänge) möchte ich vorschlagen, folgende Axiome zu verwenden:
  • Die kulturelle Prägung erfolgt durch die unmittelbare, tatsächliche Umgebung eines Menschen in einem gegebenen Zeitraum. Nicht, wie verschiedentlich vorgeschlagen wird, durch deren fundierende Mythen oder durch deren Ansprüche.
  • Es ist in entsprechenden Diskussionen überhaupt streng zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu trennen. Es muss immer die Frage gestellt werden: "Was soll es tun?" und "Tut es das, was es soll?"
  • Man muss auch die Wechselwirkung zwischen der unmittelbaren Umgebung und der Mittelbaren untersuchen: Eine Institution - gleich welcher Art - kann zu einer Sekte degenerieren, oder gar zu einer kriminellen Vereinigung
  • Alle Diskussionen um Bildung oder Lernen sind welche, die die Erzeugung einer Diskursethik zur Folge haben - unabhängig davon, wie die Diskursethik konkret (im Einzelfall) aussieht

Erschwerend kommt dazu, dass es ja jetzt "Nullhypothesen" gibt: man kann das Verhalten von künstlichen Intelligenzen untersuchen, und es gibt mittlerweile "sogar" Menschen, die vom "Prinzip Champignon", das in den Institutionen praktiziert wird, verschont geblieben sind.

Wesentliche Schwierigkeiten tauchen immer dann auf, wenn es zu Kollisionen zwischen Werten kommt. Als "Werte" möchte ich Ansprüche einzelner Menschen an den projizierten Lernvorgang bezeichnen, und sie wie folgt sortieren:

Werte nullter Ordnung

Dabei handelt es sich um Ansprüche, die sich auf die Gegebenheiten beziehen, ohne die der Lernvorgang überhaupt nicht möglich wäre. Etwa die Beherrschung der verwendeten Sprache, ins Extrem gedacht auch Versorgung mit Sauerstoff und Nahrung, Verfügbarkeit entscheidender Informationen etc.

Werte erster Ordnung

Ansprüche, deren Erfüllung die Möglichkeit mit sich bringt, dass ein Lernvorgang stattfindet, aber keine Notwendigkeit. Hierzu könnte man z.B. Anwesenheit bei projizierten Lernvorgängen zählen, oder eine bestimmte Struktur einer Veranstaltung.

Werte zweiter Ordnung

Ansprüche, Werte erster Ordnung seien in einer konkreten Form zu erfüllen.

Werte oberster Ordnung

Ansprüche, bestimmte Lernvorgänge hätten zuverlässig stattzufinden.

Wie ihr bemerkt, trenne ich hier noch nicht zwischen Ansprüchen "des Schülers" und denen "des Lehrers". Was auch immer man von diesen Begriffen halten mag, das tue ich mit Absicht. Mitglieder beider Gruppen von Menschen haben jeweils eigene Ansprüche.

Gruppen von Menschen können ihr Handeln koordinieren. Man nennt das Ergebnis vielleicht auch "Institution".

Zitat:
Die heute am häufigsten verwendete Definition von Institutionen stammt von Douglass North, der sie als die formellen wie informellen Spielregeln einer Gesellschaft beschreibt, die die Anreizstrukturen für das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Zusammenspiel festlegen.
Auffällig hier: diese Definition ist äußerst breit. Der Grat zur totalen Institution scheint schmal. Das hängt damit zusammen, dass es eben nicht nur formelle Interaktion gibt, sondern auch informelle, und dass heutige Gesellschaften eben auch dazu neigen, Menschen (und damit jedes "Zusammenspiel" auszuschließen. Vorher steht der Absatz:

Zitat:
Institution (lateinisch institutio ‚Einrichtung‘) ist ein in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften uneinheitlich definierter Begriff. Im Allgemeinen wird darunter ein Regelsystem verstanden, das soziales Verhalten und Handeln von Individuen, Gruppen und Gemeinschaften in einer Weise formt, stabilisiert und lenkt, dass es im Ergebnis für andere Interaktions*teilnehmer erwartbar wird. Im engeren Sinne werden unter Institutionen auch feste gesellschaftliche Einrichtungen wie Behörden, Gerichte, Universitäten und Schulen verstanden.
Da möchte man fast den Einwand erheben, dass die Ergebnisse des Verhaltens der heutigen, hiesigen Institutionen weder zuverlässig erwartbar sind, noch, dass die Institutionen überhaupt Werte nullter Ordnung zuverlässig realisieren können. Werte erster und zweiter Ordnung scheinen das zugrundeliegende Funktionsprinzip von Institutionen zu sein, und werden auch regelmäßig erfüllt.

Inwieweit das Handeln der Institutionen Auswirkungen auf die Lernvorgänge und das Verhalten der Menschen hat, bleibt schleierhaft. So wird z.B. seit Jahrhunderten "ordentliche Gerichtsbarkeit" praktiziert - es kommt aber immer wieder zu Kriminalität und auch zu anderen Formen des Unrechts. Auch wenn die entsprechenden Meßgrößen sich im Laufe von Jahrzehnten gebessert haben, würde ich doch bei einer derart extremen Form wenigstens dem Aufwand entsprechende Ergebnisse erwarten.

Bunter wird es bei Schulen und dergleichen. Es gibt heutzutage sogar Leute, die das Versagen dieser Form erkennen und aber den jeweiligen Insassen zuschreiben, nicht etwa den in der jeweiligen Institution Mächtigen. Da wäre aber meiner Meinung nach die Verantwortung besser zu suchen.

Fasching ist schließlich angesagt, wo es um die Institution Regierung geht. Da fordert manch einer (nahezu wörtlich): weniger Staat, aber mehr Bildung. Dass das überhaupt nicht gleichzeitig funktionieren kann, fällt solchen Leuten anscheinend selten auf.

Für dieses Chaos mache ich einige Faktoren verantwortlich, die ich mittlerweile sogar (zuverlässig zum großen Unmut der Behörden) aufzählen kann, auch wenn ich mich dafür gewissen Formeln bedienen muss, die überliefert sind:
  • Das Grundgesetz wird fast überall (besonders auffällig: innerhalb der Institutionen) als nachrangig betrachtet, teilweise verhöhnt man sogar Leute, die sich darauf berufen. Dem steht schon der Wortsinn von Artikel 1 entgegen. Passenderweise gibt es - in gewissen Kreisen - Bocksgesänge, es sei zu verändern oder auszutauschen. Wodurch, konnte mir noch niemand erklären.
  • Es scheint auch bei vielen grundlegend in Frage zu stehen, dass es überhaupt Gesetze geben sollte. Diese Ideologie weist eine gute Passung zu Minarchismus auf, die von den Betroffenen oft ohne Rücksicht auf zuhörer/mitleser breitgetreten wird.
  • Obwohl man das Grundgesetz durchaus als Wert nullter Ordnung bezeichnen kann, wird es innerhalb von Instiutionen, die sich der Bildung verschrieben haben, selten thematisiert. Noch kurioser: real existierende Juristen weichen oft Diskussion auf dessen Grundlage mit dem Hinweis aus, es handele sich um Staatsrecht, da hätten sie keine Ahnung von...
  • Obwohl solche Werte nullter Ordnung die Voraussetzung sind für irgendwelche Lernvorgänge, weisen die entsprechenden Behörden ihre Realisierung fern von sich. Einen "Abklatsch" davon konnte man z.B. in unserer Diskussion um "Ausstattung von Schulen" lesen.
  • Demokratie und Recht werden als zubuchbare Bonusoptionen betrachtet, als Privilegien, anstatt als Voraussetzung eines gelingenden Zusammenlebens größerer Mengen von Menschen

Anscheinend ist der Trigger da, dass Werte nullter Ordnung etwas mit der "Kreatürlichkeit des Menschen" zu tun haben. Sie wären gewissermaßen "zu grobschlächtig" für die als fein, vornehm imaginierte "Gesellschaft". Das erklärt meiner Meinung nach auch z.B. den Habitus der Punks (Abschreckung durch Aufrichtigkeit?) oder die Angewohnheit von Männerbünden (und deren Mitgliedern), Zärtlichkeit und Liebe rituell zu verhöhnen oder sogar zu verachten ("toxischer Maskulinismus").

Jetzt muss man sich nur noch eine Aufzählung der "westlichen Werte" anschauen:

Zitat:
Während der Begriff ursprünglich die westeuropäische Kultur bezeichnete, wird er heute meistens auf gemeinsame Werte der Nationen in Europa und Nordamerika bezogen, die Bürger- und Menschenrechte garantieren, nach westlichen Werten wie Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Gleichheit, Individualismus und Toleranz leben und die liberale Demokratie praktizieren. Die Gesellschaftssysteme der westlichen Welt beruhen auf dem Wirtschaftssystem der Marktwirtschaft mit freier Lohnarbeit und sind historisch vom Christentum, später jedoch maßgeblich von der Aufklärung geprägt. Dazu gehören auch die sprachlich und kulturell eng verwandten früheren Kolonien wie Lateinamerika oder Australien, deren ethnische Identität und dominierende Kultur von Europa abgeleitet wurden.
Und diese vielleicht noch mit der Realität in den Institutionen (Demokratie? Menschenrechte? "freie Lohnarbeit"? ) abgleichen, und schon hat man einen Überblick über das, was ich "das Bildungsproblem" nennen möchte: Widersprüche noch und noch, berechtigte Kritik mischt sich mit dumpfer Pöbelei, der Bock ist zum Gärtner geworden, der Steuermann lügt und der Kapitän ist betrunken, und diejenigen, die für eine geschlossene Gesellschaft "argumentieren" wollen ("hetzen" wäre wohl das bessere Wort, das darf man aber schon lang nicht mehr sagen) haben am Ende auch noch den Einwand: "Könnt Ihr Euch nicht einmal einig werden?". Dass die letzten 70 Jahre von Versuchen geprägt waren, Möglichkeiten jenseits des Faschokapitalismus zu finden, von denen meines Wissens selten einer erfolgreich war, braucht man dann nicht einmal dazusagen.

Und wehe, jemand kommt auf den Gedanken, dass Demokratie und Recht Kulturtechniken sind, die dazu ersonnen wurden, das Handeln (und das Verhalten) der Regierenden zu verändern. Da läuft Blut unter die Augen und Schaum tritt vor den Mund: Nein, alles müsse weitergehen wie bisher. Es könnte sich ja etwas ändern, und dann müsse man sterben. Wenn nicht persönlich, würde der Staat untergehen, und mit ihm alle westlichen Werte.

Glaubt es mir oder nicht: "Bildung" ist ein Zirkelschluss. Die Leute lernen in den Institutionen hauptsächlich, wie man einander quält und sich später eine glaubwürdige Ausrede dafür einfallen lässt. Das erklärt in meinen Augen auch das auffällige Übermaß z.B. an "BDSM". Klar, wenn's zur Sache geht, das kann auch schon mal ein bißchen wehtun. Aber Schmerzen statt Zärtlichkeit? Wie durch muss man denn bitte sein, um so etwas gut zu finden? Randaspekte des Lehrplans scheinen zu sein: Überheblichkeit (wird immer gern bei anderen Registriert), Ignoranz (hilft, auch den allerletzten Job noch zu überstehen), Selbstverachtung und Häme. Wobei: bei Häme beschleicht mich oft der Eindruck, es handele sich in Wirklichkeit um Neid. Schmerzen sind anscheinend auch für viele ein geeignetes Mittel, innere Leere zu füllen.

Hätte ihnen doch bloß jemand gesagt, dass der Lehrplan nur als Vehikel taugt für einen bizarr unethischen Gesellschaftsentwurf. Ach, hat ja jemand. Wird wohl alles seine Gründe haben. Auch, dass alles weitergehen muss wie bisher.

Danke fürs Lesen.
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Perfidulo: Ich hatte erst vor, einen Roman darüber [über das verschwundene Mittelalter] zu schreiben.
Groschenjunge: Was ist der Unterschied zum Jetzt?
Perfidulo: Es quasseln nicht dauernd Leute dazwischen.
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