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Alt 05.11.2009, 22:51   #1
Leon300
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Standard Öffentliche Demütigung als Strafe

Zitat:
(cze) - "Ich habe eine 9-Jährige an ihrem Geburtstag bestohlen" - mit einem Schild mit dieser Aufschrift mussten sich zwei Langfinger in den USA zum Affen machen. Die Strafe hatte sich ein fantasievoller Staatsanwalt ausgedacht.
Weiter auf: http://portal.gmx.net/de/themen/nach...ttelalter.html

Und ich dachte das Mittelalter wäre schon längst vorbei. Als würden solche Strafen zu einer besseren Gesellschaft verhelfen. Da gibt es bessere Methoden, die aber scheinbar eine Mehrzahl von Leuten gar nicht will.

Man beachte außerdem die Kommentare bei GMX. Viele finden sowas gut und würden scheinbar freiwillig Artikel 1 des GG hergeben. Wie seht ihr diesen Unsinn?

Geändert von Leon300 (05.11.2009 um 23:49 Uhr).
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Alt 06.11.2009, 08:18   #2
Sakslane
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Ich kann deiner Wortwahl nur zustimmen - sowas ist Unsinn, das bringt überhaupt nichts. Außer massig PR für den Richter, die er sich damit verschafft - was tut man nicht alles, um mal in der Zeitung zu stehen...
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Alt 06.11.2009, 08:55   #3
basti_79
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Täuscht euch da mal nicht, "moral" entsteht überwiegend aus der Beobachtung zwischenmenschlicher Interaktion (auch mit einem selber als Objekt dieser).

Ich find das zwar auch abscheulich, muss aber sagen, "unsere Methode" mit ihren jahrelangen Ungewissheiten ("erstmal Festnehmen, beschweren darf er sich ja" - und dann 1 Jahr "Untersuchungshaft"! Auf ein rechtskräftiges Urteil muss man so ca. 4-5 Jahre warten!), Ungerechtigkeiten (Haftentschädigung liegt deutlich unter 10€ pro Tag, kein Ersatz für beschlagnahmte Arbeitsmittel) usw. ist nicht weniger Mittelalterlich als das.

Täuscht euch auch bitte nicht über die Wirksamkeit der Methoden der Justiz allgemein, es ist nicht davon auszugehen, dass eine Bestrafung Jahre nach der Tat irgendwelchen wesentlichen Einfluss auf zukünftige Handlungen des Täters hat. Auch ist die Kriminalitätsrate innerhalb von Gefängnissen vermutlich ähnlich hoch wie ausserhalb, so dass man nicht wirklich von Prävention reden kann.

Das einzige, was diese voraufklärerisch geprägten Kotztüten regelmäßig fertigbringen, ist, eine Begründung für ihr Dasein zu bringen: Würde irgendein Vollidiot dasselbe machen und sich dabei nicht darauf verlassen, dass irgendein anderer Vollidiot seine Entscheidung später ggf. korrigiert, wären die Resultate noch schlimmer.
__________________
Perfidulo: Ich hatte erst vor, einen Roman darüber [über das verschwundene Mittelalter] zu schreiben.
Groschenjunge: Was ist der Unterschied zum Jetzt?
Perfidulo: Es quasseln nicht dauernd Leute dazwischen.
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Alt 06.11.2009, 09:25   #4
Tarlanc
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2 Kritikpunkte und my2cents dazu:

1) Was nützt es eigentlich, alles 'mittelalterlich' zu nennen, das man nicht mag? Es passt natürlich in unser Selbstbild des aufgeklärten, das dunkle Mittelalter übwerwunden habende, humanistischen Menschen, alles schlechte gedanklich ins Mittelalter zu verbannen, aber gerade die Tatsache, dass diese Praktiken heute Gang und Gäbe sind, macht sie nicht 'mittelalterlich' sondern zeitgenössisch.

2) Ein Gummiparagraph wie 'Die Würde ist unantastbar' ist ohne jede allgemeingültige Definition von Würde komplett sinnlos. Man kann ja immer noch in Würde an den Pranger stehen. Und man kann sich würdevoll in eine dunkle Zelle setzen und erhabenen Gedanken frönen. Diesen Paragraphen jedes Mal als Argument zu verwenden, wenn einem eine Entscheidung eines Gerichts nicht gefällt, halte ich also auch nicht gerade für nützlich.

my2cents:
Ganz jenseits von negativen Konnotationen mittelalterlichen Praktiken und Wertappellen halte ich die Entscheidung des Richters nicht schlecht.

Gerichte sind der Imbegriff einer öffentlichen Versammlung. Und Urteile waren lange Zeit nur dann rechtskräftig, wenn sie öffentlich gesprochen wurden (und zwar nicht in einem abgeschlossenen Raum, zu dem theoretisch jeder Zugang hätte, wenn er sich früh genug um einen Gästeausweis und eine Anmeldung bemüht). Ein Urteil hatte öffentlich auf dem Markt oder einem Versammlungsort ausgerufen zu werden, so dass alle Leute die Verfehlung eines Einzelnen sehen und diskutieren konnten. Und das ist nicht mittelalterlich, das war genau das, was in der Aufklärung reinstitutionalisiert werden sollte, weil man von den folterlastigen und dubiosen Verfahren in Kerkern wieder wegkommen wollte. Nach dem Ideal der Aufklärung ist jedes Urteil öffentlich zu sprechen und zu diskutieren. Und Öffentlich meint: Bei Tageslicht auf offenem Platz, wie Aristoteles es vorschlug.

Nur wenn dies geschieht, hat ein Urteil eine moralische Wirkung. Die Menschen sehen jeweils an konkreten Fällen, dass eine Tat verboten ist, wie sie geahndet wird und dass alle anderen Leute um einen herum diese Rechtssprechung unterstützen (sonst gäbe es ja einen Aufruhr gegen den Richter, der noch inmitten der Menge steht). Auf diese Weise wird das eigene Moralverständnis, wenn ihm durch das Urteil entsprochen wurde, bestärkt. Wenn ihm nicht entsprochen wurde, dann wird es durch die positive Reaktion der Menge sauber korrigiert. Ein öffentliches Urteil bestärkt damit das kollektive Rechtsempfinden und setzt Abweichungen von diesem Rechtsempfinden nicht nur vor dem Gesetzgeber, sondern auch im eigenen Umfeld unter Strafe.

Leider haben die Boulevard-Zeitungen (die in der 'guten alten Zeit' ihre Berichterstattung auf vor Gericht verhandelte Fälle stützten) in den letzten Jahren diese Praxis ad absurdum geführt. Es werden nun in der medienvermittelten Öffentlichkeit, in der wir uns bewegen, nicht mehr die Urteile öffentlich gemacht, sondern schon die mutmasslichen Verfehlungen. Schon die Verhaftung oder Beschuldigung reichen aus, damit eine Person mit einem Skandal behaftet und an den öffentlichen Pranger gestellt wird. Auch wenn es nur ihr Foto in der Zeitung ist, das am Pranger steht und nicht die Person selber. Diese Entwicklung finde ich sehr bedauerlich, da dadurch regelmässig der Ruf unschuldiger Menschen in den Dreck gezogen wird. Leute werden öffentlich gedemütigt (und da ruft genausowenig jemand nach GG§1 wie bei DSDS, SuperNanny oder anderen öffentlichen Demütigungsinstitutionen), die gar kein Verbrechen begangen haben.

Jeder Schritt, der dieser Entwicklung entgegenwirkt, und sei das nur die eigenmächtige Veröffentlichung einer Verfehlung durch einen Richter nach einem rechtsgültigen Urteilsspruch, ist in meinen Augen deswegen positiv zu werten. Ich möchte viel lieber rechtsgültig verurteilte Menschen unter den Schmährufen der Öffentlichkeit leiden sehen als Unschuldige.

Dadurch dass die Diebe ihre Tat ihrem Umfeld am Pranger gestehen müssen, werden drei Effekte erzielt:
1) Man kann sich in Gruppen vor den Dieb hinstellen und sich gegenseitig darin bestärken, dass man es falsch findet, ein Kind zu bestehlen. Dadurch wird diese Norm mal wieder salient gemacht, was nie schaden kann.
2) Die Demütigung wirkt für die Delinquenten nachhaltiger als eine Geldstrafe oder eine Haft.
3) Niemand möchte mit ihnen tauschen. Also wird man verhindern wollen, vor diesen Richter geführt zu werden. Und wenn das heisst, dass man seine kriminelle Laufbahn vorzeitig beenden muss
__________________
Even people who are a pain in the arse can stimulate new thinking.
Vaughan Bell, Institute of Psychiatry, London
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Alt 06.11.2009, 09:45   #5
Llewellian
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Ich finds gut.

Warum?

Die Knastanstalten sind zu voll. Besserung tritt darin auch nicht wirklich ein, eher noch ein tieferer Kontakt mit anderen Kriminellen.

Strafe muss wehtun, um Strafe zu sein. Haft tut - und das ist bekannt - nur recht wenigen richtig weh.

Vielmehr gilt - vorallem bei den jüngeren - ihr "öffentliches Ansehen", ihre Vorstellung davon, was die Öffentlichkeit für ein Bild von ihnen hat.

So ein Reallity-Check, so ein Vorführen, das beisst. Das zeckt so richtig.
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Alt 07.11.2009, 10:01   #6
Sakslane
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Ich stimme Tarlanc insofern zu, als dass Urteile grundsätzlich öffentlich gemacht werden sollten und eine Vorverurteilung durch die Medien völlig fehl am Platze ist. Das hätte viel mehr von Rechtsstaatlichkeit als das, was bei uns momentan abläuft...

Trotzdem halte ich das Urteil für ziemlich sinnlos, denn eigentlich fehlt hier die Hälfte: Um wirklich einen Effekt zu erzielen, müssten die beiden eine Strafe in Form einer Geld- oder meinetwegen auch Haftstrafe bekommen und es müsste publik gemacht werden. Dann könnte man wirklich mit einer gewissen Schadenfreude auf die Täter zeigen und sich sagen: "Ja, das kommt davon, wenn man sowas tut." Aber wenn die Strafe einzig und allein darin besteht, mit so einem Schild rumzulaufen, fehlt genau dieser Effekt, diese Schadenfreude, zu sehen, dass der andere eine Strafe für sein Fehlverhalten bekommen hat. Stattdessen wundert man sich eher: "Was? Die haben einen Diebstahl begangen, und alles was sie dafür machen müssen, ist eine Weile mit so einem blöden Schild rumrennen? Sonst nichts?" Das schreckt nicht ab, das ermuntert eher.

Das Problem ist, dass Kriminalität in unserer Zeit nicht mehr so negativ bewertet ist wie damals, als man Leute regelmäßig an den Pranger gestellt hat. Heutzutage gilt es in manchen Gesellschaften ja sogar als cool der krasse Checker zu sein, der alles und jeden abzockt und sogar kleinen Kindern den Lolli klaut. Der läuft dann mit dem Schild rum frei nach dem Motto: "Hey Leute, seht mal was ich alles drauf hab, und ich muss dafür nicht mal Strafe zahlen, mir kann keiner was!"

Oder man stelle sich einen Manager vor mit einem Schild: "Ich habe 1. Mio Euro auf einem Konto in der Schweiz versteckt." Da denkt sich doch jeder: "Na und? Wo ist die Neuigkeit? Macht doch jeder heutzutage." Es macht keinen Sinn, Kriminalität einfach nur öffentlich zur Schau zu stellen, wenn kriminelles Verhalten als normal gilt.
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Alt 11.11.2009, 12:51   #7
lars willen
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Beiträge: n/a
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es war ja nicht immer so in Deutschland

aber heutzutage ist das ziel der Justiz einen übeltäter wieder zu einen nützlichen mitglied der gesellchaft zu machen

und darum sag ich mal nein.pranger is quark.ausserdem wirddie justiz schon wissen ob es sinnvoll ist oder nicht.weshalb ich mir keine gedanken machen muss,die tuns ja.und dann wäre da noch die sache mit den unschuldigen,was wenn sich die unschuld herausstellt

und eine persöhnliche anmerkug.leute die den pranger wieder wollen haben senf im hirn,meiner meinung nach
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