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Alt 03.01.2016, 00:09   #1
basti_79
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Standard Die politische Substitution transzendentaler Argumente

Diskussionen sind äußeren Bedingungen unterworfen, wie der Zeit und der Teilnehmerschaft. Das verleiht ihnen eine gewisse eigentlich unlogische Anlage, einen Keim mangelnder Logik. So kann man sich in einer Diskussion z.B. darauf berufen, dass man beim letzten Gespräch sich schon über X und Y einig war. Das wäre dann ein transzendentales Argument.

Transzendentale Argumente haben die charakteristische Eigenschaft, dass man sie mit mitteln der Logik nicht untersuchen kann. Innerhalb des Beispiels wird das jeweilige Argument als Behauptung aufgebracht, und dann per Konstruktion von allen Diskutanten geglaubt. Andere transzendentale Argumente wären:
  • Autorität - jemand anderes, dem alle vertrauen, hat bereits entschieden oder muss diesen Fall entscheiden
  • Strukturell ähnlich sind Tradition, wo Fälle wie der Gegebene "schon immer so" entschieden wurden und Dogma, wo die Auslegung eines gegebenen Textes (ein Gesetz, eine heilige Schrift oder ähnliches) stattfindet.
  • Experiment (jemand hat X gemacht, und das Ergebnis war Y)
Innerhalb der Logik spielen sich z.B. Dilemmata ab - diese kann man logisch einwandfrei darstellen, anders als die Gründe, die im Fall eines transzendentalen Arguments jemanden zu der entsprechenden Behauptung veranlasst haben.


Politische Diskussionen werden oft eher von den Randbedingungen beeinflusst als von den Argumenten. Da geht es dann auf einmal darum, wer mitreden darf, oder wer sich auf welche Quellen berufen habe, oder was mit welcher Absicht gesagt worden sei. Abseits der Frage, ob es so sein sollte, gibt es formale politische Diskussionsveranstaltungen, in denen die Regeln sehr detailliert gefasst werden, auf dass gerade darüber nicht gestritten würde. Das funktioniert meistens auch ganz gut, nur scheinen die Parlamente seit Jahren an einer gewissen Inhaltsleere zu leiden.


Da es im politischen Kontext egal ist, welches transzendentale Argument zieht, wenn es denn zieht, wird da oft eine gewisse Beliebigkeit erkennbar. Ich mache mir häufig einen Scherz daraus und ersetze manche Formulierungen durch andere transzendentale Argumente. Um mal ein Beispiel zu machen:


Eine Zeile des MDR:


http://www.mdr.de/nachrichten/awacs1...-6c4417e7.html


Zitat:
"Wenn die AWACS in einem integrierten NATO-Verband Aufklärung betreibt, dann sind die Aufklärungsergebnisse für die NATO-Mitgliedsstaaten."
zu:


Zitat:
"Wenn die AWACS auf Anweisung des Papstes Aufklärung betreibt, dann sind die Aufklärungsergebnisse für den Vatikan."

Abseits der etwas dürren, fast militärisch anmutenden Ausdrucksform gewinnt dieser Satz durch dieses Manöver eine eigentümliche Qualität.

Diese Technik taugt dazu, transzendentale Argumente erstens zu erkennen (bei logischen Argumenten "funktioniert es nicht", der entstehende Satz ergibt weniger Sinn) und zweitens auch zu überprüfen, ob sie korrekt sind. In der zweiten Fassung fragt man sich vielleicht: "Darf der Papst AWACS Befehle geben?" oder "Darf der Vatikan so etwas überhaupt aufklären?". Wenn man die Übersetzung zurücknimmt: "Darf die NATO AWACS Befehle geben?", "Dürfen die NATO-Mitglieder AWACS-Spähergebnisse bekommen?", bekommt man sozusagen Wegweiser für die Funktionsweise solcher Institutionen.

Man kann auch Fragen: "was ist ein integrierter NATO-Verband in diesem Zusammenhang?" - ich weiß die Antwort nicht, muss ich zugeben. Fest steht, dass es irgendwie die Funktion eines Befehlsgebers einnimmt, einer Autorität.

Man kann diese Technik auch einsetzen, wenn z.B. sich jemand darauf herausredet, er habe keine Zeit. In dem Fall kann man sich vorstellen, was er wohl gerade anstellen mag. Mit mehr oder minder komischen Ergebnissen. Oder warum er solchen Wind macht.

Durchgängig sinnvoll ist der Versuch z.B. bei Namen von Ländern, Städten oder Regierungsorganisationen.

http://www.spiegel.de/politik/auslan...a-1070207.html

Zitat:
Terrorattacke in Indien: Feuergefecht auf Luftwaffenbasis an der Grenze zu Pakistan
zu

Zitat:
Terrorattacke in Spanien: Feuergefecht auf Luftwaffenbasis an der Grenze zu Frankreich
Funktioniert natürlich in beide Richtungen. Nähe bewirkt da bei mir stärkere Betroffenheit, Distanz schwächere.

Ich habe schon einmal darüber nachgedacht, das mit einem von diesen coolen neuen Natursprachparsern zu automatisieren, allein: der Geist ist Willig, das Fleisch ist schwach. Die Wirkung könnte phänomenal sein.

Auf die Idee gekommen bin ich, weil ein gewisser H. L. aus Berlin mir einmal den Tip gegeben hat, in Schulgesetzen "Schüler" durch "Juden" zu ersetzen. Der Effekt ist atemberaubend, und der Versuch auch ethisch vollkommen rechtfertigbar. Man möchte doch einmal herausfinden, was die Worte so bedeuten... Ich danke jedenfalls herzlich für den Tipp. Ich taufe sein (und dadurch mein) Kind des Geistes - hoffentlich auch mit Seinem Einverständnis, das ich schleunigst einholen werde - daher die:

politische Substitution transzendentaler Argumente



und danke fürs Lesen
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Perfidulo: Ich hatte erst vor, einen Roman darüber [über das verschwundene Mittelalter] zu schreiben.
Groschenjunge: Was ist der Unterschied zum Jetzt?
Perfidulo: Es quasseln nicht dauernd Leute dazwischen.
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