Thema: nicknames
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Alt 19.12.2008, 07:12   #4
Tarlanc
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Zitat von Manx Beitrag anzeigen
Ich vermute, das hat etwas damit zu tun, dass man sich hinter einem Nicknamen und einem Avatar gut verstecken kann und eigene Komplexe kompensieren oder Marotten ausleben kann.
Das ist eine etwas oberflächliche Analyse, die ich von einem alten Foren-Profi nicht erwartet hätte.

Online-Diskussionsforen haben gegenüber realen Gesprächssituationen mehrere Vorteile. Dazu gehört auch die Anonymität der Diskutanten:
1) Beteiligungszahl: An Diskussionen in Foren können theoretisch unbegrenzt viele Leute teilnehmen. Auch wenn dies nicht in jeder Diskussion realisiert wird, so beteiligen sich doch hunderte Leute an verschiedenen Stellen an der Diskussion im Forum. Dies ist bei realen Diskussionen nicht möglich.
2) Entzeitlichung: Diskussionsbeiträge können jederzeizt gelesen oder geschrieben werden. Reaktionen auf einen Beitrag können auch Stunden später statfinden, ohne dass dies die Diskussion stört. Bei einer Stammtischdiskussion ist das zum Beispiel nicht möglich.
3) Nachvollziehbarkeit: Jede Diskussion lässt sich vor- und zurückspulen, um die Entwicklung der Argumente zu verfolgen. Man kann Aussagen überprüfen, Reaktionen nachlesen und damit die Diskussion zu jedem Zeitpunkt analysieren. Dadurch besteht für die Diskussionsteilnehmer, ein gewisser Zwang, sich anständig zu verhalten. Dumme Äusserungen, Wutausbrüche und unsinnige Argumente bleiben für immer stehen.
4) Annäherung an die ideale Gesprächssituation: Durch die fehlende Begrenzung der Teilnehmerzahl, die Entzeitlichung und die Analysierbarkeit der Argumente lässt sich in Diskussionsforen eine fast ideale Diskussion führen. Es bleibt allen Teilnehmern so viel Zeit wie nötig, sich mit dem Sachverhalt und der Diskussion zu beschäftigen, bevor eine Antwort gemacht wird. Und die Antwort kann so ausführlich und faktengestützt wie nötig sein.
Das ist an einer realen Diskssion einfach nicht möglich.

Da bleibt nur noch ein wichtiger Aspekt, um die Diskussion so ideal wie möglich zu machen:

5) Anonymität: In einer idealen Gesprächssituation sollen nicht Menschen, sondern Ansichten miteinander konkurrieren. Es muss, ungeachtet des Gegenübers, immer der 'zwanglose Zwang des besseren Arguments' herrschen. Selbst wenn jemand etwas Schlaues sagt, der zu einer Personengruppe gehört, die man nicht mag, muss dies geachtet werden. Wenn jemand mit Doktortiteln und hohem Prestige etwas Dummes sagt, dann muss es als etwas Dummes behandelt werden. Die Biographie, Demographie und der Ruf eines Diskussionsteilnehmers darf die Diskussion nicht beeinflussen. Um dies zu erreichen, werden Geschlechts-, Rassen- und Alterbezeichnende Nicknames verwendet.
Den Nicknames ist für gewöhnlich nicht zu entnehmen, mit wem man es zu tun hat. Das Gegenüber ist nur ein Name oder eine Nummer. Da es kein Gesicht und keine Geschichte hat, werden die Einflüsse von persönlichen Gefühlen minimiert. Man kann sich nur auf die gemachten Aussagen stützen, wenn man sich in einer Diskussion beteiligt.


Natürlich kennt man nach einer Weile seine Pappenheimer und weiss, wer schlüssige Argumente vorbringt, wer eher zu flaming neigt, wer öfters mal absichtlich Falschaussagen macht, sich gern wichtig macht oder jeden Mist glaubt. Dadurch geht ein Teil der Anonymität wieder flöten.
Allerdings stützt sich auch da die Einschätzung eines Diskussionsteilnehmers auf die bisher in Diskussionen gemachten Aussagen. Nicht auf Persönlichkeitsmerkmale. Jeder hat also die gleiche Chance, sich einen guten (oder schlechten) Namen zu machen. Ungeachtet von Geschlecht, Beruf, Aussehen, Alter, Bildung oder Kleidungsstil.


Und darum sind Nicknames in Diskussionsforen äusserst sinnvoll.
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Even people who are a pain in the arse can stimulate new thinking.
Vaughan Bell, Institute of Psychiatry, London
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